#BloggerFuerFluechtlinge

Sonst hab‘ ich mit Kunst zu tun.

Und zwar ständig mit der eigenen, weil das eine Geisteshaltung ist, durch die man anders wahrnimmt und sie nicht einfach wieder ablegen kann, und oft mit fremder, weil ich durch eben diese Geisteshaltung gewohnt bin, mir auch die Kunst anderer Leute sehr offen, das heißt viel fragend und nicht urteilend, anzuschauen.

Zur Kunst hingebracht hat mich zum einen ein beruflich zeichnender Vater, zum anderen ein bisschen eigenes Talent und Spaß an der Sache, aber verbunden bleibe ich ihr durch den Sinn, den ich in ihr sehe: sie ist in der Lage, Menschen neu sehen, denken, fühlen zu lassen. Wenn man sich auf sie einlässt und nicht nur sucht, was man schon kennt oder was einem ästhetisch gefällt, macht sie neues Erleben möglich. Das ist die Eigenschaft, die sicherstellt, dass ich nie von ihr abrücken oder ihrer überdrüssig würde, egal, wer auch immer sie wie zu seinen Zwecken missbraucht. Denn das geschieht leider oft. Ein unverstellter und absichtsloser Blick, der nur das Erleben zum Ziel hat, ist selten geworden, genau wie ein Angebot, das nur zur geistigen Bereicherung da ist und wodurch sich niemand selbst bereichern will.

Ich denke, dass man Kunst nicht herstellen kann wie einen Tisch oder Stuhl, aber dass sie sich jederzeit ereignen kann. Das, was diesem Ereignis entgegensteht, ist eine festgeschriebene Erwartung, egal, ob positiv oder negativ. Oder eine Vorauswahl, die andere für einen getroffen haben nach Regeln, die wieder andere aufgestellt haben, ohne dass das eine oder das andere zu einem passt. Wie sinnvoll ist das?

Wie sinnvoll wäre es, nur bestimmten Menschen in seinem Leben begegnen zu dürfen, oder auch nur einem einzigen Menschen mit einem vorgefassten Urteil zu begegnen? Ich sage nicht, dass es sich nicht gehörte oder es moralisch verwerflich wäre; ich frage nur: ist es sinnvoll? Warum sollte ich mir von vornherein etwas verschließen, etwas wegnehmen, mir etwas versagen, das ich nicht einmal kenne?

Der Philosoph Markus Gabriel sagt in seinem im Berliner Ullstein Verlag erschienenen Buch Warum es die Welt nicht gibt: „Die Erfahrung einer Konfrontation mit Sinn machen wir natürlich nicht nur in der Kunst oder der Philosophie. Ein großer Erfahrungsschatz ist das Reisen, worunter ich nicht den handelsüblichen Tourismus verstehe, bei dem es sich eigentlich nicht um Reisen, sondern lediglich um Ortswechsel zur Verbesserung der klimatischen Umgebung oder zum Zwecke des Fotografierens von Postkartenmotiven handelt. Auf einer echten Reise erlebt man immer eine gewisse Fremdartigkeit.“

Im Urlaub suchen wir Fremdartiges und fühlen uns dadurch beschenkt. Auch fremde Menschen, andere Nationalitäten sind in ihrer Andersartigkeit nicht nur hingenommen, sondern sogar bewusst aufgesucht. Sie gehören zu „neuen Bildern“, die wir in uns aufnehmen möchten, und bei einer „echten Reise“ können auch echte Begegnungen stattfinden, die Bilder lebendig werden. Liegt die Unstimmigkeit in den besuchten Menschen als solche? Gibt es einen Unterschied zwischen dem geflohenen Syrer und dem Menschen, den wir bei der Kreuzfahrt im östlichen Mittelmeer vielleicht hätten kennenlernen können?

Oder liegt die Unstimmigkeit nicht viel mehr in denen, die demselben Menschen einmal so und einmal anders begegnen, aber immer subjektiv urteilend, ver-urteilend?

Urteile in der Kunst sind nicht sinnvoll, wenn die subjektive Wahrnehmung einer Person für eine andere gleich mit gelten soll, ohne deren individuelles Denken und Fühlen zu berücksichtigen. Wie können wir es dann für angebracht halten, so an das Wesen in der Welt heranzugehen, das Kunst hervorbringt…?

 

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